Rückblick auf die Veranstaltung


Wie kann Horgen den Strassenverkehr sicher und nachhaltig lenken?
Impulsreferat von Patrick Eberling, dipl. Ing. ETH, MBA, Leiter Verkehrstechnik, Beratungsstelle für Unfallverhütung.
Die Gemeinde Horgen verfolgt das Ziel einer „nachhaltigen Mobilität“ und sie setzt sich ein für ein „gleichwertiges Nebeneinander der wichtigsten Verkehrsteilnehmer“. So festgehalten in der „Energiestrategie 2030“ und in der „Strategie Horgen 2030 – Gesellschaftspolitik“. 2024 soll mit dem kommunalen Richtplan Verkehr eine weitere Konkretisierung erfolgen.
Das Verkehrstempo ist ein zentraler Faktor für nachhaltigen Verkehr: Verkehrssicherheit, Verkehrsfluss, Lärmemissionen, CO2-Emissionen… sind damit verbunden. Fast zwei Drittel aller schweren Verkehrsunfälle passieren in der Schweiz innerorts. Die meisten der Opfer sind zu Fuss, mit dem Töff oder Velo unterwegs. Die BFU und der Schweizerische Städteverband sprechen sich für Temporeduktion aus. Städtische Gemeinden sollen, der jeweiligen Situation angepasst, vermehrt Tempo 30 einführen können. – Demgegenüber will eine Einzelinitiative in Horgen das bisherige Regime „Tempo 50 generell“ auf Verkehrsachsen festschreiben. Die Initiative kommt an der Gemeindeversammlung im Dezember zur Abstimmung.
Trotz Sturm und Regen haben sich gut 30 Personen im Schinzenhof eingefunden, um am zweiten Impulsanlass der Interessengemeinschaft Horgen klimaneutral mitzuwirken. Vizepräsidentin Rita Gnehm zeigte zu Beginn auf, dass die Mobilität ein gutes Drittel der Treibhausgasemissionen ausmacht. Deshalb ist der Wandel hin zu einer nachhaltigen Mobilität ein zentrales Element der kommunalen Energiestrategie 2030. Es stellt sich die Frage, wie Horgen den Strassenverkehr sicher und nachhaltig lenken kann. Das Verkehrstempo ist dabei einer der wichtigen Faktoren.
Patrick Eberling, Leiter Verkehrstechnik der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) informierte in seinem mit vielen Praxiserfahrungen angereicherten Referat über das Modell 30/50. Vor kurzem hat der Bundesrat zu diesem Modell weitere Vereinfachungen beschlossen. Gemeinden können für nicht-verkehrsorientierten Strassen direkt Tempo-30-Zonen beschliessen. Tempo 30 ist auch auf verkehrsorientierten Strassen möglich auf der Basis eines Gutachtens und mit Zustimmung des Kantons. Handlungsbedarf besteht auch in Horgen: Zwischen 2011 und 2022 gab es im Zentrum gut 100 polizeilich erfasste Unfälle mit Personenschaden. Die Daten zu Ort, Unfalltyp und Unfallschwere sind hier öffentlich zugänglich
Herr Eberling zeigte auf, dass die Sterbewahrscheinlichkeit bei einer Kollision zwischen Fahrzeug und Fussgänger bei Tempo 50 sechs Mal höher ist als bei Tempo 30. Mit der Einführung von Tempo 30 Zonen ab 1997 hat sich die Sicherheit landesweit deutlich erhöht. So reduzierte sich die Zahl der Unfälle mit Personenschaden um 27%, jene der schweren Unfälle um 38%. Eine Tempo 30-Zone anstelle 50 km/h generell bedeutet zwar etwas Zeitverlust für den öffentlichen Verkehr (15 Sekunden pro Kilometer), bringt aber deutlich weniger Lärm für die Anwohnenden. Weitere Vorteile sind: Der Mischverkehr Velo und Auto ist möglich, keine Minderung der Leistungsfähigkeit der Strassen sowie keine Ausweichfahrten ins untergeordnete Netz (falls das übergeordnete Netz Vortritt hat).
Der BFU-Strassenverkehrsexperte empfahl den anwesenden Horgner Stimmberechtigten, zuerst im Rahmen des Verkehrsrichtplans die Hierarchie der Strassentypen festzulegen und erst in einem zweiten Schritt für problematische Strecken und Punkte massgeschneiderte Massnahmen zu beschliessen. Neben dem Temporegime geht es dabei primär um bauliche Massnahmen wie Fahrbahnbreite und Elemente zur Fahrberuhigung. Gemäss Eberling hat die Gemeinde – wenn sie will – auch bei verkehrsorientierten Strassen wie der Zugerstrasse einen grossen Gestaltungsraum.
Diese Empfehlung stiess beim Publikum auf Anklang. Mehrfach wurde die Meinung geäussert, dass die der Gemeindeversammlung vom 7. Dezember vorgelegte Einzel-Initiative, die unter einem irreführenden Namen Temporeduktionen generell verhindern will, abzulehnen sei. Diese angeregte Diskussion wurde beim Apéro im Schinzenhof Bistro fortgesetzt.